DER UMZUG

so feierte man früher Weihnachten

Es gab damals wie heute viele Gründe mit der Familie umzuziehen. Ein neuer Beruf, gesundheitliche Probleme oder man wollte wieder mit der Familie enger zusammenleben. Nur die Umstände waren in den 60er Jahren natürlich andere. Erst mal heile Ankommen war das premiere Ziel. Wer sich einen Transporter oder gar eine Umzugsfirma leisten konnte, war fein raus. Ein Abenteuer war es auf jeden Fall für alle Teilnehmer.

Ein Gastbeitrag von Harry M.- Vielen Dank

 



Der Abschied aus Duisburg

Es ist ein strahlend blauer Tag in Duisburg Meiderich in der Sonderburgerstrasse 21!

Vor dem, rotgeklinkerten Eckhaus zur Düppelstrasse steht ein gelbfarbener Lastzug, bestehend aus dem Motorwagen und einem Anhänger einer Möbelspedition. Er gehört schon zu den moderneren Lastkraftwagen und trägt auf seiner, für diese Zeit fortschrittlichen Flachschnauze den umgekehrten „Chromtannenbaum“, es ist ein Büssing.

 

Familie Marquardt zieht weg!

Ich stehe am leeren, schmucklosen Fenster, schaue noch einmal gegenüber auf die Trinkhalle, die hier von der Küche aus zu sehen ist. Mir fällt dieser Moment nicht schwer und er löst bei mir, mit meinen knapp elf Jahren, keinerlei Traurigkeit aus, obwohl ich meine besten Freunde nun verlassen werde. Aber es sind Sommerferien in Duisburg, die Schule scheint so weit weg und auch meine Freunde, die allesamt weit verstreut ihre Ferien verbringen.

 

Die Möbel und gepackten Kartons sind schnell in den Bäuchen des Gespanns verstaut, Hans-Jürgen und ich helfen natürlich eifrig mit. Wie so oft passiert mir dabei wieder einmal ein Missgeschick, ich trage einen der großen Kochtöpfe hinunter und setzte ihn ausgerechnet auf einen der guten Sessel des Wohnzimmers ab! 

Nun, für den heutigen Betrachter doch eigentlich nichts Schlimmes. Zur damaligen Zeit kannte man aber keine Cerankochfelder sondern bestenfalls Elektroherdplatten eines AEG Herdes, die regelmäßig mit einer schwarzen Paste behandelt wurden, um sich dann am Unterboden der Kochtöpfe fest zusetzen damit sie hässliche Flecken bei Berührung mit Textilien hinterlassen! Na, ja, das war mir dann auch gelungen und das Echo meines Vaters kam prompt! Wieder einer der Momente wo ich mit meinem gemachten Fehler dachte: Auweia, bist wohl nur ein Idiot! Selbstzweifel die mein ganzes Leben lang zu bestimmen schienen.

Nach dem väterlichem Donnerwetter war die anfängliche Euphorie des bevorstehenden Umzuges bei mir erst einmal verflogen. Elf Jahre war ich an diesem Tag nun alt oder besser gesagt fast elf, es fehlten gerade noch einmal 61 Tage daran!

 

Noch einmal einen kurzen Rundgang durch die ehemalige Wohnung. Wurde auch nichts vergessen?  Die vertrauten Tapeten sahen traurig aus nachdem ihnen der Bilderschmuck entrissen wurde. Wie helle, rechteckige Augen flehen saubere Parzellen, verlass uns nicht! Aber am schlimmsten stöhnt der, von Vater selbst gebastelte Lautsprecher: „Nimm mich mit, nimm mich mit“. Da hängt er nun seit etlichen Jahren, oben in der Ecke, neben der Küchentür. Liebevoll einmal zusammengebastelt aus Teilen eines Radios, textilbespannt in der Front und im Rahmen mit der Küchentapete beklebt. Nein, du musst hier bleiben, das Radio aus dem Wohnzimmer, mit dem du lange verbunden warst ist längst verstaut.

 

„So, nun lasst uns losfahren bestimmt Vater, und treibt uns, die Arme schwingend aus der alten Wohnung, Ähnlich wie ein Gänse Erpel, flügelschwingend seine Familie beschützen will.

Hans-Jürgens und mein einziges Haustier was wir beide besitzen ist schon im  weißen Renault R 4 verfrachtet. Bubi, unser Wellensittich war schon mit seinem Käfig im Heck des Autos eingezwängt worden, zusammen mit all den Taschen und Koffern die so ein Renault R4 gerade noch aufnehmen kann.

 

 

 


·St. Peppers Lony Heart Club Band

 

·Penny Lane

 

·Strawberry Fields Forever ist Musik von den Beatles

 

30.06.1966 findet das Endspiel Deutschland/England der Fußballweltmeisterschaft  im Wembley Stadion statt.

 



Die Reise in den Norden beginnt

Die Reise in ein neues Leben beginnt und der Renault R 4 wird von meinem Vater in Gang  gesetzt, auf eine Strecke nach Schleswig-Holstein ohne Rückfahrgarantie! Wir starten und fahren durch Meiderich, vorbei an einem Friedhof, ich glaube es muss Richtung Oberhausen gewesen sein, zur Anschlussstelle in Richtung Hannover!

 

Es war die, ach von uns Brüdern so geliebte Strecke, die immer wieder bei der Oma in Schleswig-Holstein endete und uns Kindern immer eine Zeit wie im Schlaraffenland bescherte.

„Rotz und Wasser haben wir jedes Mal geheult wenn es hieß, in Holstein Abschied  nehmen zu müssen. 

Nein, diesmal werden wir von Holstein keinen Abschied mehr nehmen! Wir werden dort ankommen und es nie wieder verlassen! Nie wieder mit Einmachgläsern, gefüllt mit gräulich wirkenden Erdbeeren nach Duisburg zurückkehren.

 

Ein neues Zuhause erwartet uns, in einem Ort dessen Namen irgendwie etwas lustig klingt und dennoch verheißungsvoll: WRIST.

Da saßen wir beiden Brüder nun auf der spartanischen Rückbank im Auto, natürlich immer gegenseitig neckend und frotzelnd, wie es eben unter Brüdern mit einem Altersunterschied von vier Jahren gängig ist.

Unruhe verbreitende Bengel, jeder auf seiner unterschiedlichsten Art und schnell ist dem Vater die Nervosität anzumerken. Angespannt, nach Konzentration ringend wird sein Ton wieder etwas ungehaltener und ich empfange dieses Signal umgehend. 

 

„Komm Jürgen, lass uns mal versuchen ob wir im Radio etwas empfangen lenke ich meinen Bruder ab. Ja, wir beide haben das Grundig Kofferradio hinten bei uns auf der Rückbank. Ein Luxus, mit dem sich in Duisburg Halbstarke schmückten. Ein Luxus für unsere Familie, dieses schwarze Gerät mit der beigefarbenen Lautsprecher Frontleiste.

 

Aus der heutigen Zeit rückblickend zum Totlachen, ein Gerät so groß wie ein Toaster mit einer siebzig Zentimeter langen Teleskopantenne und bestückt mit 4 riesigen, im Durchmesser 30 Millimeter großen Batterien die gerade einmal zwei Wochen halten.

Aber mit solchen Musiktoastern beamten sich damals die Halbstarken in ihre eigene Welt! Über Kurzwelle, Langewelle oder Mittelwelle erreichte man St. Peppers Lonly Heart Club Band, die Penny Lane oder Strawberry Fields Forever. 

Aber nein, es quiekte, pfiff und rauschte nur, sooft ich auch am Sendervorwahlknopf drehte. Radioempfang war während der Fahrt einfach nicht möglich. Natürlich, es fehlte eine Auto Außenantenne, aber davon hatte ich mit fast elf Jahren doch keine Ahnung.

 

Die Landschaft fliegt an den Seitenscheiben vorbei! Huscht sie wirklich vorbei? Nein, aus heutiger Sicht wäre es: Slow Motion, Einhundertzwanzig Kilometer pro Stunde war die maximale Höchstgeschwindigkeit des Renaults, wenn er nicht bepackt war wie an diesem Tag. Mehr wie hundert Kilometer pro Stunde schaffte der knappe Einliter Motor an diesem Tag nicht! Für mich damals irrsinnig schnell, verglichen mit unserem alten NSU Prinz. Fünfundvierzig Jahre später werde ich mit weit mehr als doppelter Geschwindigkeit über die gleiche Autobahn rasen und aus der Seitenscheibe nichts mehr Anderes sehen als ein gleißendes Band der Mittelleitplanke!

 

Bubi sitzt auf seiner Schaukel im Käfig und er braucht nichts zu tun um in Bewegung zu bleiben, die Federung des R4 arbeitet für ihn. Die Fahrt ist wie immer so unendlich lang, endlich machen wir Rast! Wie jedes mal wenn wir nach Holstein gefahren sind hat Mutter Schnittchen eingepackt, eine Thermoskanne mit Kaffee und eine mit Früchtetee für Jürgen und mich, und Jürgen hat immer viel getrunken und war Garant dafür, dass wir bald wieder den nächsten Parkplatz anfahren mussten!

Endspurt in die neue Heimat

 

Hamburg kommt immer näher! Da ist er! Der Planwagen wie aus einem amerikanischen Western! Direkt an der Autobahn aufgestellt, als Werbung für einen Campingplatz in den Harburger Bergen. Jetzt sind die Elbbrücken nicht mehr weit entfernt  und der Zeitpunkt wo man Vater gar nicht mehr ansprechen kann rückt immer näher!

Und da kommen sie, die stählernen Brezel links und rechts, mein persönlich immer wieder empfundenes Tor in eine bessere Welt! Die ELBBRÜCKEN! Vaters Anspannung wächst, muss er sich doch Umstellen auf den Verkehr in Hamburg. Dreispurige Hauptstraßen, nein, das ist nicht mehr sein bekannter, vertrauter Ruhrgebiets Verkehr.

 

Auf zum Wambachsee den er so oft mit uns „peppitabehüteten“ Kindern gemacht hat. 

Wilhelmsburger Reichsstraße,  Ost-West Straße, Reeperbahn, Kieler Straße verlangen ihm alles ab und sein Nervenkostüm beruhigt sich erst in Schnelsen als die B 4 endlich erreicht ist.

In Quickborn wird er entspannter, ab Spring Hirsch zieht den R 4 ein Magnet! Ja, er hätte das Steuer loslassen können, Vater steuert Bilsen an, all seine Anspannung ist verflogen, er ist  zuhause, WIR SIND ZUHAUSE!

Ich habe die Tannenwälder immer geliebt, den komischen Ort Spring Hirsch mit der Werbung für die dort angesiedelte Gastwirtschaft „Weidmannsruh“. Nun dauert es nicht mehr lange und wir sind bei Oma, Dieter und Uli! Wir erreichen Hoffnung, ja es ist eine Ortschaft mit so einem verheißungsvollem Namen! Und hinter der Raststätte und Gastwirtschaft Langeln verlassen wir die B 4 und biegen links ab in Richtung Heidmoor.

 

„Ich glaube wir sollten die Kinder umziehen wirft meine Mutter ein und Vater biegt in einen Feldweg ab.

Karneval ist um diese Zeit schon lange vorbei, aber Mutter besteht darauf, dass Hans-Jürgen und ich stadtfein verkleidet werden, Himmel wie haben wir beide immer den auf- gezwängten  Zwillingslook gehasst und besonders die Peppita Hütchen! Aber wieder einmal setzte sich Mutter durch und Jürgen musste sich ebenso stilgerecht verkleiden wie es auch mir nicht erspart blieb.

 

Nach weiteren drei Kilometern kam der Lohnkamp in Sicht! Tausend mal gesehen, tausend mal davon verabschiedet, plötzlich nie wieder Abschied nehmen müssen von dieser Umgebung. Fahrrad fahren durfte ich hier immer in den Ferien, ganz alleine ohne Aufsicht, immer mit Omas Rad! Immer um den Wald herum, immer Richtung Lentföhrden oder zu Walli Andre. Ich konnte auf dem Sattel nie sitzen, war er doch zu hoch eingestellt, aber es war mir egal und ich bin im Stehen geradelt, durfte ich in Duisburg doch nicht Fahrrad fahren. 

Nun komme ich zurück und habe in Duisburg als Schüler einen Fahrradführerschein gemacht, mit dem Fahrrad das ich Weihnachten 1965/1966 geschenkt bekommen habe! Nichts ahnend, dass dieses Gefährt der Schlüssel all meiner frühen Holstein Erkundungen wird!

 

Wir biegen auf das so vertraute Grundstück ein das ich noch kenne aus der Zeit wo Oma, Dieter und Uli quasi als Untermieter bei Ludwigs gewohnt haben. Nun gibt es keine Hühner mehr und kein Pferd, nur noch einen gepflegten Vorgarten mit einem kleinem Goldfischteich.

 

Oma begrüßt uns herzlich und ganz besonders Dieter, mein Lieblingsonkel! Uli strahlt wie immer wie ein Schelm. Man braucht ihn nur anzuschauen und schon geht der Blödsinn mit uns los.

ZUHAUSE, ja wir sind angekommen, angekommen in dem Land, in der Region von der ich mich nach jedem Urlaub nie richtig verabschieden konnte!

Duisburg war so weit weg und plötzlich so fremd für mich! Die Oma, die stahlblauen, blitzenden Augen von Dieter, das breite Lachen von Uli, seinen Ulk, dieser riesige Onkel sind ab sofort meine Welt!

Oma macht Kaffee, es gibt natürlich selbstgebackene Torte! Ich höre den Erwachsenen zu. Himmel die Torte schmeckt nach Holstein, ist Heimat, so oft gegessen und so unendlich lange Zeit vermisst!

 

Es wird spät und die Erwachsenen reden sich in Rage. Da werden Erinnerungen ausgetauscht und man lebt noch einmal ganze Zeiten geistig durch. Anekdoten werden erzählt, von Dieters Zeit in Berlin, von Uli und wie er den Spielzeug Catapillar, den ich dann zu Weihnachten bekam, einmal ausprobiert hat! Das batteriebetriebene Gefährt hat er über seinen Teller laufen lassen, und hat es geschafft die aufgefüllten Kartoffeln, zum Unmut meiner Oma, wegzuschieben! Klar, das ist Ulrich Marquardt!

 

Es wird immer später und von der Reise müde hatten Vater und Mutter keine Probleme uns zu Bett zu bringen.

Morgen sollten wir unser neues Zuhause in Wrist kennen lernen!


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Kommentare: 12
  • #1

    Vivien (Dienstag, 02 November 2021 09:42)

    Mir ist es ähnlich gegangen. Nur von Essen nach Kiel. Liebe beide Städte weil beide Vor und Nachteile haben.

  • #2

    Julia (Montag, 15 November 2021 09:06)

    Wir sind früher auch oft umgezogen. Das war nicht immer so schön. Sie haben Glück gehabt, dass sie freudig empfangen wurden.

  • #3

    Hans W. (Sonntag, 21 November 2021 10:32)

    Was für ein schöner Beitrag. Die Geschichten hier gefallen mir am besten auf der Seite. Mit dem Umzug kann ich mich voll identifizieren. Sind auch zur Oma aufs Land gezogen, allerdings erst in den 70ern.

  • #4

    Hans W. (Sonntag, 21 November 2021 10:33)

    ach was vergessen. Die Zeichnung ist großartig.

  • #5

    Gudrun (Sonntag, 28 November 2021 01:30)

    Sehr schöne Geschichte. Hat mich bewegt.

  • #6

    Thomas Hase (Montag, 03 Januar 2022 10:04)

    Habe den Text von Vorne bis Hinten gelesen und vieles wieder erkannt. Ich glaube viele Menschen mussten in der Zeit umziehen. Manche freiwillig, manche gezwungenermaßen. Bei uns war es vom Dorf in die Stadt. Im Nachhinein ein Glück für mich. Habe die Liebe meines Lebens gefunden und nen Job. Was will man mehr.

  • #7

    Retro Fan (Mittwoch, 05 Januar 2022 23:10)

    Auch wir mussten in den 60ern umziehen. Allerdings vom Land in die Großstadt. Ein Schock für uns Kinder. Haben uns dann doch eingewöhnt und auch die Vorteile genossen. Heute würde ich lieber wieder auf dem Land wohnen. Danke fürs teilen dieser persönlichen Geschichte.

  • #8

    Moni (Montag, 10 Januar 2022 17:19)

    Eltern wissen gar nicht was sie den Kindern damit antun. OK ab einem gewissen Alter. Ich war 12 als wir umgezogen sind. War 1975. Alle Freunde waren weg und ich fühlte mich alleine. Hat gedauert bis ich neue Freunde fand, schön war´s dennoch nicht. Habe viel geweint.

  • #9

    Willi Brahms (Freitag, 11 Februar 2022 00:10)

    Umzug? Für mich als Kind eher spannend. Ok Freunde verlieren ist hart aber eine neue Umgebung war auch immer ein grosses Abenteuer.

  • #10

    Mannomann (Donnerstag, 17 Februar 2022 09:20)

    "Mutti ich muß Pipi" Lol. Die Skizze ist wirklich gut.

  • #11

    Tobias Gelhard (Montag, 18 April 2022 00:46)

    Auch mich hat die Geschichte sehr berührt. Wir sind damals zwar nur von Essen nach Düsseldorf gezogen, aber ich habe als Kind alles verloren. Freunde, Schulklasse und die ganze Umgebung. Alles für die neue Arbeitsstelle meines Vaters. Al,es nur für mehr Geld. Hab es bis heute meinen Eltern nicht verziehen.

  • #12

    Ann (Dienstag, 07 Juni 2022 15:30)

    Wir sind in den 70ern und 80ern ständig umgezogen. Ich fand das furchtbar. Mit 18 bin ich ausgezogen und seit dem nur 3x umgezogen.