URLAUBSREISEN IN DEN 70ERN


Ins Kino gehen der 70er Jahre

Natürlich hat jede Familie ganz individuell Ihren Sommerurlaub verbracht. Dennoch glaube ich, dass einige von Euch ähnliche Erlebnisse hatten. Egal ob Camping, Pension, Gästewohnung oder Hotel. Egal ob mit dem Auto, Bus oder per Flugzeug. Egal ob mit Mama und Papa, den Großeltern oder Freunden. Egal ob in den Norden oder Süden. Urlaubsreisen in den 70ern wurden penible geplant und die Vorfreude auf ein paar entspannte Tage war grenzenlos. Egal wie teuer die Reise wurde, es wurde erst gespart und dann bar bezahlt.



Vorfreude

Oft wusste man schon direkt nach dem Urlaub wo es nächstes Jahr hinging. Die eigentliche Planung fing aber spätestens sechs Monate vorher an. Waren alle Ausweise noch gültig, hatte man noch den ADAC Schutz, gab es genügend Versicherungen, konnte man sich noch auf das Sammelsurium an Landkarten und Reiseführern verlassen und vor allem wird die Reisekasse reichen? Wir hatten schon einige Reisen mit dem Auto gemacht. Da gab es Campingurlaub an der Nordsee, den schäbigen Bauernhof mit Gästezimmern an der Ostsee und die kleine Urlaubswohnung in Holland. Für uns Kinder waren das schon tolle Abenteuer.

 

Dieses Jahr wollten wir jedoch in die große, weite Welt. Nach Spanien an die Costa Blanca. Natürlich mit dem Auto, natürlich kein Hotel, sondern ein kleiner Bungalow in einer schnuckeligen Ferienanlage. Im Urlaubsprospekt konnte man auf einigen Bildern schon sehen wie es dort aussah. Professionelle Hochglanzabbildungen täuschten nicht selten ein Paradies vor. Für meinen Bruder und mich war nur eins wichtig. Sonne, einen Pool und Strand. Gut, das Meer war 5Km entfernt aber in der Ferienanlage gab es einen kleinen Pool (ohne Sprungbrett, ohne Rutsche und ohne Animateure). Aber im südlichen Teil Spaniens gab es im Sommer eine Sonnengarantie. Die Vorfreude wuchs bei uns und Mutti hätte am liebsten schon die Verpflegung eingepackt.

 

 

Vorbereitung

Zwei Tage vor Abfahrt wurde es dann ernst. Vorräte die nicht mitgenommen werden konnten und in Abwesenheit schlecht geworden wären, wurden alle verschlungen. Einkäufe für den Urlaub wurden erledigt. Wir hatten extra noch Luftmatratzen und Spiele für den Strand gekauft.

Mein Vater hatte Geld getauscht und wir Kinder bekamen jeder 1000 Peseten (damals gut 30 Mark, also ca. 15 Euro oder 0,00000001 Bitcoins. Die Reiseroute wurde berechnet, bzw mit einem Filzstift auf vier unterschiedlichen Karten eingezeichnet. Reiseunterlagen wurden gecheckt. Der obligatorische grüne Auslandskrankenschein (gibt´s sowas heute eigentlich noch?) wurde schon von der Krankenkasse geschickt. Die Ausweise waren übrigens noch große Papplappen im freundlichen behördengrau- nicht so kleine elegante Plastikkarten.

Die Wäsche war erledigt und die Sachen für den Urlaub stapelten sich vor den Koffern (übrigens ohne Rollen). Eigentlich sah es so aus als wir ausziehen wollten. 

 

Tag der Abreise. Damit wir nicht in einen Stau geraten, hielt es mein Vater für eine gute Idee um drei Uhr morgens loszufahren. "In Deutschland erst mal Km machen" hieß es immer. Frankreich und Spanien hatten schon damals Tempolimits. Bei uns Kinder war es eine Mischung aus Müdigkeit und einem Aufputschmittels namens Aufregung. Mutti hatte noch schnell ein paar Brote frisch geschmiert und in die Cateringkühlbox gestopft. Kaffee wurde in zwei Thermokannen gefüllt. Zwei Dinge durften auf der Autofahrt nicht ausgehen. Kaffee und Zigaretten. Es gab bei uns die Regel." An Autobahntankstellen wird nix gekauft. Da wirst´e nur abgezockt."

Das Auto war so voll, dass wir Kinder uns immer fragten wo wir uns eigentlich noch hinsetzen sollten. Das zulässige Gesamtgewicht wurde klar überschritten. Das interessierte die Polizei in der Urlaubszeit zwar wenig, aber der ein oder andere Wagen schaffte diese Last nicht über die langen Strecken. Autopannen mit kochenden Kühlern sah man oft am Straßenrand stehen.

Wir hatten da mit unserem Ford Taunus und satten 75 PS nur einmal Probleme. Andere Reise, auch Spanien- DREI! Wochen Urlaubsverlängerung wegen Problemen beim Ersatzteil. Andere Geschichte.

 

 


Das Retroprojekt

Die Fahrt

Wie gesagt. Km machen war die Devise. Also preschte mein Vater mit 160Km/h (und mehr ging nun wirklich nicht beim Taunus) mit der Familie und 1000Kg Gepäck über die deutschen Autobahnen. Noch konnten wir dabei schöne Schlager aus dem Autoradio hören. Fünf Stunden später ging das in Frankreich nicht mehr. Dann kam die Kassette ins Autoradio. Spanische Instrumentalmusik mit Gitarre und Kastagnette. Na super. Hörspielkassetten fanden meine Eltern nicht so gut. "Da wird Pappi immer von müde". Vielleicht lag es aber auch an der 20stündigen Autofahrt. Einen Walkman gab es damals auch noch nicht. Vom Gameboy oder gar Fernseher ganz zu schweigen. Wir überbrückten einige Zeit mit Comics oder Rätselbüchern. Manchmal schliefen wir auch auf der Hutablage. Wir waren klein und Gurte gab es auf den Rücksitzen eh nicht.

Abwechslung gab es nur bei Pausen, an den Grenzen mit langen Warte- und Kontrollzeiten und an den Mautstellen in Frankreich und Spanien. Meine Eltern wechselten sich dann auch schon mal mit dem Fahren ab. Meine Mutter war keine geübte Autofahrerin, aber für 60 Min bei Tempo 120 auf einer Schnurgeraden Autobahn hat es dann doch gereicht.

Nach gut 20 Stunden sind wir dann endlich angekommen. Ohne Navi war es ein Wunder, dass wir die Ferienanlage in der Dunkelheit gefunden hatten. Total erledigt schliefen wir dann gegen Mitternacht ein.

 

 



Der Urlaubsaufendhalt

Nach einem kurzen Orientierungsrundgang, begann routinemäßig die Suche nach einer Telefonzelle. Die Großeltern wollten doch unbedingt wissen ob wir gut angekommen sind. Dafür mussten wir erst einmal genügend Kleingeld tauschen gehen. Eine gute Möglichkeit schon mal Postkarten und Briefmarken zu kaufen. Die Münzen in der Telefonzelle wurden regelrecht gierig geschluckt. Trotzdem diese Ferngespräche kurz gehalten wurden, kam man mit dem Geld nachwerfen kaum nach. Ja, es gab gewisse "Pflichtaufgaben" die wir Urlauber zu erledigen hatten. Wie beschrieben das erste von drei Telefonaten mit den Großeltern. Dann früh genug Postkarten schreiben, damit auch alle Freunde wissen, dass wir es dieses Jahr nach Spanien geschafft hatten. Drittens: Ein Souvenir für sich und für Freunde und Bekannte besorgen, damit die sich auch in Jahren noch erinnern konnten, dass wir es damals nach Spanien geschafft hatten. Viertens: Schnäppchen kaufen. Diese Spanier müssen doch irgendwas produzieren was hier billiger als in Deutschland ist. Für meine Eltern waren das Blumentöpfe aus Ton. Der Wagen war ja noch nicht genug beladen und die empfindlichen Keramikbehältnisse machen das Packen für die Rückfahrt nicht leichter.

 

Ansonsten verlief der Urlaub wie gewünscht. Sonne, Pool und manchmal auch Strand. Da wir keine Verpflegung gebucht hatten, mussten wir zwischendurch einkaufen, kochen und abwaschen. Da es keinen Fernseher gab, vertrieben wir uns abends die Zeit mit Spielen auf der Terrasse. Hört sich langweiliger an, als es Wirklichkeit war.

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So im Nachhinein...

Natürlich verbringen auch heute viele tausend Menschen so oder so ähnlich ihren Urlaub. Etwas mehr Komfort (alleine wenn man an die Autos denkt), etwas mehr Unterhaltungselektronik, etwas weniger Angst, dass was passieren könnte. Viele fliegen heute mit Vollpension in die Ferien. Bequem ist das schon, aber wer Land und Leute kennen lernen will, sollte wenigstens einmal im Leben einen Metzger, in Spanien der 70er Jahre, als Kunde besucht haben.


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Kommentare: 3
  • #1

    Quentin T. (Freitag, 11 Februar 2022 00:03)

    Sind immer nach Italien mit dem Auto gefahren. � sehr anstrengend. Gefühlt 100 Stunden Autofahrt. Und alles ohne Handy ohne Gameboy oder so. Trotzdem war es ein grosses Abenteuer und ich möchte die Zeit nicht missen.

  • #2

    Maik (Mittwoch, 16 Februar 2022 23:25)

    Früher war alles besser? Urlaubsreisen gehörten sicher nicht dazu. Die Unterkünfte in Spanien, Italien und Griechenland waren oft scheisse und das Essen auch. Ok mehr als 3 Sterne konnte sich kaum einer leisten wenn überhaupt Hotel drin war. U d die Strände waren immer so voll. Heute bleiben wir lieber in Deutschland.

  • #3

    Fritz G (Mittwoch, 23 März 2022 22:31)

    Da fällt mir ein ich sollte mal wieder i den Urlaub fahren . Schön wars damals. Danke für die Geschichte. Hat mir gefallenen und ähnlich erlebt.