ALBRECHT KOMMT


Ins Kino gehen der 70er Jahre

Mit dem Umzug von Duisburg Ruhrort nach Meiderich, besser gesagt Untermeiderich werde ich als heranwachsendes Kind schon sehr früh in gewisse Haushaltsarbeiten eingebunden.

Also leichte Aufgaben, die ein Kind auch nicht überlasten und dazu gehörte hin und wieder einkaufen. In unserer Straße gab es einen Kaufmannsladen, heute würde man ihn als „Tante Emma“ Laden bezeichnen und ja tatsächlich gehörte er einer verwitweten Frau die zufällig, passend zum Laden „Frau Korfmann“ hieß.



Nun, meine Mutter drückte mir hin und wieder einen Leinenbeutel in die Hand, gab mir abgezählte Mark und Pfennig Stücke in einen Beutel sowie einen zusammengefalteten Zettel, auf dem sie aufgeschrieben hatte, was ich besorgen soll. Mit allen Utensilien ausgestattet brauchte ich nur diagonal über die Straße zu gehen und war bei „Korfmann“ vor der Tür.

 

 

Nein, ich ging noch nicht zur Schule, konnte noch nicht lesen geschweige denn rechnen. Aber mein Zettel von der Mutter, sowie das abgezählte Geld passten immer (da meine Mutter die aktuellen Preise für bestimmte Artikel im Kopf hatte). Wenn sie mich losschickte, dann hatte ich manchmal vorab einen prallen Leinenbeutel, gefüllt mit leeren, aber gereinigten Marmeladengläsern, das war damals Pfandware wie Getränkeflaschen! Ich glaube heute nennt man es Nachhaltigkeit. Es war eine Notwendigkeit, da Gläser eine Mangelware waren und die Industrie aus Mangel an Rohstoffen gar nicht so viel Gläser herstellen konnte, um den steigenden Bedarf der „Fressgier“ der „Wirtschaftswunderzeit“ zu stillen.


Kinder 60er 70er Jahre zum einkaufen in den Tante Emma Laden geschickt

Das Geschäft zu dem ich lief, hatte nur ein sehr kleines Schaufenster. Die Schaufensterauslage bestand eigentlich nur aus einem riesig großen, braunem Teddy Bär mit einem Eimer in den Tatzen die er lächelnd in eine Milchkanne kippte. Ich bin mir sicher, dass ich mir an dieser Stelle weitere Ausführungen sparen kann, weil jeder diese uralte Werbung aus dem FF kennt.

 

Die Tür zu dem Laden zu öffnen war kein großes Problem für mich, ich musste sie nur aufdrücken und schon war ich drin im Laden. Links neben der Tür befand sich ein, für mich aus Sicht eines Kindes ein unendlich riesiger Tresen. Dahinter standen mehrere Frauen und sehr beschäftigt mit Kunden. Mittendrin in dem Gewusel aus Kunden stand ich nun schüchtern da, bis eine Frau sagte. „Ich glaub de kleine Kerl is vomich dran“ (Ruhrpott deutsch)

 

Die Verkäuferin spricht mich an:  “Watt kannichdenn füdich tun?“ (Ruhrpott deutsch)

Ich reiche meinen Leinenbeutel hoch und die Bedienung beugt sich über den Tresen. Dann gebe ich ihr den gefalteten Zettel meiner Mutter und sie weiß schon mit dem ersten Blick was ich nach Hause bringen soll. Aus dem Gemisch von Tresen vor ihr und Regalen hinter ihrem Rücken packt sie in Windeseile genau das zusammen, was mir Mutter aufgetragen hat. Das Brot, Margarine, Mehl, Milch und Wurst ist schnell gefunden.  Die Verkäuferin bedient sich an meinem mitgebrachten Bargeld, überreicht mir mein Wechselgeld.

 

Meine Mutter hat mir vorher gesagt, wenn ein Groschen (heute 5 Cent) übrig bleibt kannst Du Dir noch etwas zum „Schnuppen“ kaufen. Ich schaue mir das Wechselgeld an, den bronzefarbenen Groschen kenne ich, aber da liegt so eine silberne Münze in meinem Wechselgeld! Es war ein 50 Pfennigstück, also fünf Groschen.

„Meine Mutti hat gesagt, für einen Groschen darf ich mir was zum Schnuppen mitbringen“. Die Verkäuferin zeigte auf die vielen Bonbonieren (Bonbongläser) und fragte: “Watt hättseden gerne?“ Ich suchte mir ein paar Sachen aus, Lakritz Salinos, Brausepulver und für einen Groschen war das für mich schon eine ganze Menge. Mit der Zeit wurden meine alleinigen Einkäufe schon fast zu einem Ritual in meinem Kinderalltag und je älter ich wurde und mich schon längst selbstständig artikulieren konnte brauchte ich Mutters Einkaufszettel auch nicht mehr über den Tresen zu reichen. Man kannte mich, wusste zu welcher Familie ich gehörte und was mein Vater arbeitete.

 

Die Straße, in der ich wohnte war eine kleine, aber sehr stark von LKWs befahrene Seitenstraße, die von einer größeren Hauptstraße zu einem Sinterwerk führte. Unsere Straße endete genau bei der Gaststätte „Stapelmann“ mit gleichnamig befindlicher Bushaltestelle. Die Horst Straße war Hauptverbindungslinie für den Busverkehr von Obermeiderich bis nach Ruhrort und anfangs kannte ich diese Straße nur als Dauerbaustelle an der unheimlich viele Ruinen abgerissen und Neubauten hochgezogen wurden. Aber auch hier gab es immer noch viele, zum Teil alteingesessene Geschäfte wie Schlachter, Bäcker, Schuster, Frisöre und vieles mehr. Kaufte meine Mutter zum Beispiel beim Schlachter ein, so gab es jedes Mal für mich als Kind, nach dem Bezahlen ein Wiener Würstchen in die Hand, dass man gerne auch kalt verzehrt hat. Was haben wir Kinder uns im Spätherbst die Nasen platt gedrückt beim Bäcker, wenn er „Stutenmänner“ gebacken hat! Hefeteigmännchen mit der obligatorischen, weißen Tonpfeife die man nie wirklich sauber bekommen hat.

 

Seilbagger verrichteten unterdessen ganze Arbeit und mit Abrissbirnen wurde Altbau und Ruinen mühevoll und unter großem Aufwand und Einsatz unzähliger LKWs in dieser Straße beseitigt. Schäden und Zeitzeugen aus dem zweiten Weltkrieg. Die Horst Straße veränderte ihr Gesicht genau so wie sich das Gesicht so allmählich unserer Straße änderte. Auch hier verschwanden ruinierte Häuser und wurden durch neue, moderne Häuser ersetzt. Aber kein Vergleich mit dem was sich auf der Horst Straße tat.

 

Ein neues Gebäude nach dem Anderem und die erste Etage waren für damalige Verhältnisse üppig, ja sogar riesig dimensioniert! Ein neuer Trend nach amerikanischem Vorbild macht sich breit und plötzlich tauchen „Selbstbedienungsläden“ auf. Auf dem Weg zum Spielplatz fielen sie uns anfangs auf durch ihre ungewöhnliche, neue Reklameschriften die zum Teil abends sogar beleuchtet wurden. Da lächelte uns plötzlich eine weiße Kaffeekanne an, auf rotem Hintergrund und lockte die Menschen in ein Geschäft mit riesigen Schaufenstern, in denen aber nichts mehr ausgestellt wurde, wie bei „Korfmann“, sondern man sah durch das Schaufenster die vielen Menschen, die sich nicht mehr am Tresen anstellen mussten, anstatt dessen Gitterkörbe auf Rollen vor sich herschoben und sich „selbst bedienten“. Und so hießen diese Läden dann auch eben: Selbstbedienungsladen. Die Läden hatten Namen wie Kaisers Kaffee, Konsum (in den 70er Jahren CO-OP), Tengelmann, Edeka, Spar, Bolle, Vivo und A&O. Ständig kamen neue dazu.

 

Die Läden wirkten auf die Menschen verlockend und so ergab es sich, dass ich immer weniger zu „Korfmann“ in unserer Straße geschickt wurde, da meine Mutter nun doch lieber in diesen neuen Supermärkten stöbern ging und in der Regel kam sie schwer bepackt nach Hause, teils mit Artikeln die sie ursprünglich gar nicht auf ihrer Einkaufsliste hatte.

Der kleine „Tante Emma“ Laden in unserer Straße wurde nur noch zu einem Notnagel für den Fall, dass einmal etwas vergessen wurde. Diese kleinen „Tante Emma“ Läden hatten aber auch lange Zeit einen ganz besonderen Vorteil. Wurde zum Monatsende die Haushaltskasse klamm konnte man einen Einkauf auch „Anschreiben“ lassen, also man bezahlte die Ware dann am Ersten Tag des Monats, wenn der Vater mit seiner Lohntüte nachhause kam. So etwas war in einem Supermarkt überhaupt nicht möglich, das ging nur im „Tante Emma“ Laden, weil die Inhaber ihre Kunden persönlich kannten und deren Bonität.

 

Abends, nach Geschäftsschluss wurde immer ein eisernes Gitter vor dem Schaufenster und der Eingangstür heruntergelassen und eines Tages wurde es morgens, wie sonst um 9.00 Uhr gewohnt nicht mehr geöffnet. Frau Korfmann hatte für immer geschlossen, ein Grund war vielleicht altersbedingt aber der Hauptgrund war, die Kunden waren ihr allmählich weggebrochen.

Unterdessen entwickelte sich die Horst Straße, heute würde man sagen, zu einer regelrechten Einkaufsmeile. Es gab ein Zweiradgeschäft, jede Menge unterschiedlicher Supermärkte, Schuhgeschäft, Spielzeugladen und das Möbelhaus „Karmann“, den Namen konnte ich mir gut merken, weil eine junge Frau in unserem Haus einen VW Karmann Ghia ihr Eigen nannte.

 

Eines Tages eröffnete ein neuer, völlig unkonventioneller Supermarkt in der Horst Straße. Nein er war nicht besonders groß aber hatte ein völlig neues Konzept. Während in den etablierten Supermärkten die Produkte sich bildhübsch in den Regalgängen präsentierten und zum Kaufen einluden, standen in dem neuen Supermarkt in den Regalreihen nahezu nur ganze Kartonage Reihen, bei denen nur der oberste Karton aufgerissen war, um das beinhaltete Produkt zu zeigen. Das hieß, war ein Karton leer musste der Kunde den darunter liegenden Karton aufreißen, um an seine Wunschware zu gelangen. Die Produkte hatten auch völlig unbekannte Namen, die getrockneten Erbsen und Linsen kamen auch nicht mehr aus „Müllers Mühle“ und die Konservendosen trugen nicht die Namen wie „Bonduelle“, die eingelegten Essiggurken im Glas kamen nicht von „Kühne“ und Papiertaschentücher gab es dort auch nicht unter dem Namen „Tempo“.

 

Meiner Mutter erschienen die Preise in diesem neuen Supermarkt sensationell verglichen mit denen der bekannten Supermärkte und das rustikal wirkende Ambiente des Ladens störte sie ganz und gar nicht mit einem Seitenblick auf ihr „Haushaltsgeld“. Und so bekam ich meinen alten „Einkaufsgang“ zurück und stapfte nicht mehr zu „Korfmanns“, sondern in die Horst Straße zu: ALBRECHT

 

Im Laufe der darauffolgenden Jahrzehnte krempelte der Supermarkt ALBRECHT die ganze Geschäftslandschaft des Einzelhandels und Lebensmittelläden um und expandierte mit rasender Geschwindigkeit. Heute ist das Erbe zweier Brüder, die eine Revolution unter den Supermärkten ausgelöst hat, bekannt unter:

ALDI SÜD und ALDI Nord.


Vielen Dank lieber Harry. Auch diese Geschichte schickt uns direkt in die Vergangenheit.


auch lesenswert ...

Freizeitgestaltung 70er Jahre

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Gabi (Samstag, 26 März 2022 19:27)

    Albrecht? Noch nie gehört. Scheint ja der Vorgänger von Aldi gewesen zu sein. Krass wie die mit Niedrigpreisen allles kaputt gemacht haben

  • #2

    Waldi Hartmann (Sonntag, 03 April 2022 00:58)

    Was waren das für Zeiten. Tante Emma Laden. So persönlich, keine App und nur Bargeld. Als Kind musste man viel mehr einkaufen. Halt helfen im Haushalt. Würde der heutigen Jugend auch guten. Nicht nur alles online bestellen.

  • #3

    Harald W. (Dienstag, 19 April 2022 00:39)

    Ob Discounter die Lösung aller Probleme sind bleibt fraglich. Tante Emma Läden sicherlich auch nicht aber Lebensmittel brauchen mehr Respekt.

  • #4

    Julia (Donnerstag, 21 Juli 2022 09:24)

    Bei uns gab es bis Mitte der 80er einen Onkel Emma Laden. Der Besitzer war halt ein alter Mann. Trotzdem habe ich den Laden immer noch gut in Erinnerung. Bald wird es noch nicht mal mehr Kassierer im Supermarkt geben. Alles Hightech halt- mir geht´s nur noch auf die Nerven. "Sammeln Sie Punkte? Paybackkarte? Bar oder mit Karte? Möchten Sie noch Bargeld abheben?