FRÜHSCHOPPEN IM POTT


Kindheitserinnerungen 70er Jahre

Sicherlich ist die folgende Geschichte ziemlich regional, dennoch denke ich auch außerhalb des Ruhrpotts gab es ähnliche Geschehnisse. Der Frühschoppen ist bis heute deutsches Kulturgut. Die beste Ausrede schon am Morgen Alkohol zu trinken und das mit dem Segen der Ehefrau. Ist halt Tradition und damit darf man nun wirklich nicht brechen. In den 60er und 70er Jahren lief es allerdings noch etwas anders. 



"Michael, holst du Vatter ausse Kneipe? Der hat mal widda die Zeit vergessen!" Für einen Sonntag war das für mich nix Besonderes. Irgendwie komisch, dass ein 10-Jähriger den eigenen Vater abholt, aber es waren halt andere Zeiten. Mir machte das nichts aus. Oft gab´s ne Limo gratis für mich und irgendwie mochte ich die Kneipenatmosphäre. Ich schnappte mir meinen Holzroller und schrie im Rausgehen: "Klar Mutti, bin in 30 Minuten wieder da." 

 

Der Weg war kurz, aber die Straßen in einem schlechten Zustand. Dort angekommen, konnte man vor der Tür schon das Gegröle hören. Eine typische Ruhrgebietseckkneipe namens Schacht 4. 

Als ich, die für mich schwere Tür aufzog, stieg es mir sofort in die Nase. Der Gestank nach Tabak, Alkohol und Toilettenstein. Die Ausstattung war karg. Nur eine kleine Theke mit Zapfhahn, Holztische und Stühle. An der Wand hing dieser komische Geldkasten der Sparkasse mit unendlich vielen Schlitzen, eine Dartscheibe und natürlich mein geliebter Geldspielautomat. Selbst spielen durfte ich zwar noch nicht, aber es machte auch Spaß nur zuzuschauen. In einer Ecke diente eine Jukebox als Unterhaltungsinstrument- leider mal wieder ausgeschaltet. Die "Deko" bestand hier aus jeder Menge verstaubten Schnickschnack. Bilder von Zechen, Fotos von komischen Männern,  Zinnteller, Orden, Wimpel und natürlich einer Fahne des hier ansässigen Fußballklubs. Alles etwas muffig, aber irgendwie auch urig und gemütlich. Ich drängte mich durch die Menge, heute war es aber auch besonders voll. Es waren fast immer nur Männer anwesend. Männer in Anzügen, die aus der Kirche kamen, Männer in Bergmannstracht, Männer in Kordhosen. Alle tranken Bier oder Korn. Manche spielten Karten, warfen Dartpfeile oder knobelten. Meinen Vater entdeckte ich wie immer an der Theke. Tief im Gespräch mit Herrn Meissner, einem Nachbarn, vertieft. Ging mal wieder um seine geliebte Taubenzucht. Ich zog ihm am Hosenbein und schrie: "Vatter, Mutti schickt mich, dich abzuholen. Essen steht auf dem Tisch." 


Kneipen 60er und 70er Jahre
Kneipenkultur 60er und 70er


Erst jetzt entdeckte er mich. "Waaas? Schon so spät? Ich trink´ noch eben mein Bier aus. Bestell dir ne Limo- Heinz mach´ste dem Jung ´ne Limo? Schreibs auf ´n Deckel." Ich setzte mich kurz auf den Barhocker. Direkt vor mir stand ein Tablett mit Frikadellen und diese komischen, stinkenden Eier aus dem Glas. Soleier oder so. Mir wird jetzt noch schlecht als mein Vater mir ein Stück in den Mund schob und sprach: "Probier mal, schmecken echt lekka."

 

Schwups hatte ich die Limo auch schon in der Hand. "Papa, ich geh´zum Automaten gucken" Mein Vater nickte. Für mich das Zeichen der Narrenfreiheit hier im Haus. Die Limo war schnell getrunken und erst jetzt merkte ich, dass auch die anderen heutigen Getränke rauswollten. 

Oh nein! Toilette? Hier? Den Weg, aber leider auch den Zustand, kannte ich. Da musste ich jetzt wohl durch. Ich ging durch die Seitentür zum Gesellschaftsraum, schlich ein paar Meter und öffnete die Toilette. Puh, Glück gehabt. Keiner hier.

 

Der Gestank allerdings war unterirdisch. Wer macht denn sowas? Ich erledigte alles, was zu erledigen gab.


Zeche Zollern
Zechen im Ruhrgebiet


Nur schnell zurück zum Spielautomaten. Dorthin auf den Weg fing mich mein Vater direkt ab. "So feddich Jung. Ab zur Mutti und zum Sonntagsbraten." 

"Nächste Woche kannste mich wieder begleiten. Da gibt´s einen Wettbewerb. Wer hat dat fetteste Kaninchen im Stall." Wir schauten uns an und lachten, weil wir wussten, dass unser Moppel wohl auch dieses Jahr wieder gewinnt.

 

Zufrieden nahm mich Vater auf die Schultern und trug gleichzeitig den Roller. Ist halt der beste Papa auf der Welt. 



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Kommentare: 3
  • #1

    Thomas Kruse (Mittwoch, 07 September 2022 22:26)

    Bei uns das "Zum Barbara-Eck,hatte gefühlt rund um die Uhr auf.Immer auf den Weg zur Schule oder zurück,konnte man jemanden darin antreffen.Kein Wunder .Lag sie doch direkt an der Zeche.Früh-,Mittags-,und Nachtschicht,haben da den Staub gebunden.
    Womit eine derartige Kneipe immer Punkten konnte,das waren die Frikadellen,Kotletts und Bismarckheringe.Frische Luft wurde dagegen anscheinend wirklich nicht gerne gesehen.Die hatten bei uns knapp hinter der Eingangstür, noch mal einen Schweren Ledervorhang.
    Und als wäre es eine unausgesprochene Sache,so konnte der Eindruck entstehen,das jeder seinen festen Sitzplatz hatte.Direkt am Tresen angrenzend,gab es eine Sitznische für 3 Personen.Da saßen welche,die ich jetzt 30 Jahre später,Respektvoll als die "Alt Vorderen"bezeichnen würde.Alt waren sie wirklich,weit über 60, und allsamt Kumpels von der Zeche.Und einmal im Monat gab es "Erbsensuppe".Aber was für eine.Ganzen Pott mit Fleischeinlage,2 Würste und 1 Brötchen für 1.50 DM.Dafür bekommt heute nicht mal mehr eine Bratwurst.Und ja,es ist kein Klischee.Ich kann es unter Eid beschwören, das ich zu Unterschiedlichen Zeitpunkten 2 Frauen gesehen habe,die ihre besoffenen Männer nicht aus der Kneipe rausgeholt,sondern richtig rausgeprügelt haben.Und der Sparklubkasten durfte da auch nicht fehlen.

  • #2

    Hannes J. (Montag, 12 September 2022 19:38)

    Kann mich hier mit den Geschichten echt identifizieren. Viele Sachen sind genauso mir auch passiert. Komme aus Gelsenkirchen also auch aussem Pott. Jahrgang 67. Frühschoppen war bei meinem Pappa auch Sonntags angesagt. Allerdings kam der oft recht angetrunken an. Hat sich auf die Couch gelegt und geschnarcht. Fernsehen war dann nich mehr möglich. Seis ihm gegönnt gewesen. Jetzt schnarcht er die Engel voll.

  • #3

    Wili Schroeter (Dienstag, 20 September 2022 08:15)

    Das ist mal ne Zeitreise und echt lange her. Gut, dass solche Geschichten aufgeschrieben, dokumentiert und der Öffentlichkeit umsonst angeboten wird. Vielen Dank dar für. Ist zwar junge Geschichte, aber Geschichte.